Was ist Capoeira?

Capoeira ist eine afro-brasilianische Kunstform und nationales Kulturerbe Brasiliens. In der Capoeira verschmelzen Musik, Tanz, akrobatischer Kampfkunst und Ritual. Sich zu Musik zu bewegen, seinen Körper und Geist kennen zu lernen, sowie die sozialen Aspekte der Capoeira machen uns viel Freude.
 
Capoeira mit seiner Vielfalt an Bewegung fordert dazu sowohl unsere physischen als auch geistigen Strukturen, die Motorik, die Koordination, die Geschicklichkeit, das Denkvermögen, die Wahrnehmungsfähigkeit wie auch unsere musikalische Fähigkeiten auf positive Art und Weise. 

Dazu entwickeln wir ein besseres Wissen und Verständnis über die reiche brasilianische Kultur und seine Geschichte. Von der Zeit der Sklaverei bis heute steht dabei das Instrument des Widerstandes und der Sehnsucht nach Freiheit im Zentrum. Aus dieser Kraft wurde Capoeira geboren, durch Kreativität und Naturbeobachtungen in der neuen Umgebung des Urwalds und der Plantagen dann weiterentwickelt.

Ein Capoeirista zu sein bedeutet, aufmerksam dem Leben gegenüber zu sein, mit all seinen Tücken, Höhen und Tiefen. Capoeira soll dabei einen Beitrag zu einer Lebensphilosophie bieten, die auf Respekt und Würde des Menschen baut.

Praktiziert wird Capoeira in einem Kreis, der auf portugiesisch "Roda" genannt wird. Dazu wird Musik gespielt, welche das Tempo des Spiel bestimmt. Innerhalb des Kreises spielen dann jeweils zwei Capoeiristas gegen- wie auch miteinander Capoeira. Die Dynamik und das Prinzip einer Roda bietet lehrreiche Erfahrungen. Es stellt Schüler auf eine gleiche Ebene, da es nicht allein um ein blosses Gewinnen geht. Denn Capoeira kann nicht alleine ausgeübt werden. Auf diesem Bewusstsein wächst das Gefühl der Gemeinschaft. Aspekte die auch für unser Leben als Bürger in einer Gesellschaft wichtig sind.
So wie im richtigen Leben ist Capoeira ein Spiel, in dem wir auf kreative Art und Weise kämpfen und uns bewegen, um wachsen und uns selbst verwirklichen zu können. Dieser Kampf ist aber nie egoistisch oder einsam. Denn die Erkenntnis, dass wir nur dank unseren Mitmenschen wachsen und uns selbst verwirklichen können, lässt nicht uns selbst, sondern unser Umfeld ins Zentrum rücken.

Die Graduierungen, welche man in der Capoeira von seinem „Meister“ erhält und die sich in den Farben der Kordeln wiederspiegeln, zeigen diesen Erkenntnisprozess und sollen uns anspornen, die Anforderungen und Bürden des wirklichen Leben mit seinen verschiedenen Etappen zu überwinden und schätzen zu lernen.     
   
"Capoeira ist Vergnügen, Capoeira ist Freude...aber im richtigen Moment ist sie Verteidigung" 

Mit der Kolonialisierung Brasiliens im 16. Jahrhundert durch die Portugiesen begann eine neue Epoche in der Geschichte Brasiliens. Die Portugiesen erkannten schnell den natürlichen Reichtum des Landes und sahen in der Sklavenarbeit ein ideales Instrument, diesen Reichtum für sich wirtschaftlich zu nutzen. 

Anfangs nutzen sie die Arbeitskraft der dort lebenden indigenen Bevölkerung. Allerdings führten die körperlichen und kulturellen Eigenarten der Indios, zusammen mit ihrem Widerstand gegen die Zwangsarbeit, bald zu ihrer schnellen Dezimierung. Die Kolonialherren suchten nach Lösungen und fanden sie in der Versklavung von afrikanischen Völkern. Der Handel mit dem "schwarzen Mann", der vom afrikanischen Kontinent in die neue Welt herübergebracht wurde, war der Beginn der großen Tragödie, die die brasilianische Gesellschaft brandmarkte. Die Zeit der Quälerei, das Gesetz der Peitsche und des Todes als Herrscher über die Arbeitsverhältnisse. 

Zu dieser Zeit wurde Capoeira zumeist auf den Feldern ausgeübt. Es gibt nur mündliche Überlieferungen von Capoeira auf Farmen oder in Hüttensiedlungen, in denen Capoeira sowohl als Tanz als auch als gefährlicher Kampf der Sklavenrebellionen beschrieben wird. Die schwarzen Capoeiristas wurden jedoch gefürchtet, auch von Farmern. 
Weil die Entfernungen auf dem Land sehr groß waren und es auch keine Möglichkeiten zu Informationsaustausch oder gemeinsamen Feste der Sklaven unterschiedlicher Farmen gab, wurde der Verkauf an andere Herren oder die Flucht zum wichtigsten Kommunikationsmittel der Sklaven. Der Verkauf an andere Besitzer oder die Flucht wurden sehr wichtig, weil sich dadurch die Capoeira weiterentwickelte und unter den unterschiedlichen Sklavengruppen bekannter wurde. Capoeira begann sich somit in der Gemeinschaft der unterschiedlichen afrikanischen Kulturen in Brasilien zu entwickeln. Diese Entwicklung wurde durch den Sklavenmarkt ermöglicht, der die unterschiedlichsten afrikanischen Kulturen zusammen führte.

Durch den Handel, der auf großen Märkten veranstaltet wurde – Einfuhr, Ausfuhr und Sklavenhandel, konnten sich die Sklaven mit ihresgleichen treffen, Informationen austauschen und am Schluss auch kleine Feste mit Tänzen, Gesang und den ersten Capoeira Vorführungen organisieren. Über solche Märkte, die sich auch bei den Portugiesen großer Beliebtheit erfreuten, konnten sich die afrikanischen Sklaven versammeln und die wichtigsten Elemente für die Entwicklung der Capoeira zusammenfügen.

Die Einführung der Capoeira Regional durch Mestre Bimba (Manoel dos Reis Machado) war ein extrem bedeutsamer Schritt hin zur Legalisierung der Capoeira und zur Rettung seines Wertes. Dadurch löste sich die Capoeira von dem kriminellen Image, hin zu einem Nationalsport und kulturellem Erbe. Auf der anderen Seite war es zur gleichen Zeit Mestre Pastinha (Vicente Ferreira Pastinha), der in der Capoeira Angola voranschritt, um auf diese „Vermischung“ des Capoeira Regional zu reagieren und die reine Capoeira zu bewahren. Sein Stil des Capoeira Angola verbreitete sich, um sich klar und deutlich vom Stil der Capoeira Regional abzusetzen. 
Im Jahre 1937 wurde die Capoeira endlich gesetzlich zugelassen und entwickelte sich von diesem Zeitpunkt stark weiter. Dadurch begann auch ein soziokultureller Aufstieg und die Capoeira betrat wieder die Szenerie der kulturellen Ausdrucksformen Brasiliens. Capoeira fand sich in der Musik, in den plastischen Künsten, der Literatur und im Schauspiel wieder. Die schwarze Epoche seiner Geschichte, als Capoeira und all seine Ausdrucksformen vollständig von der Gesellschaft ausgegrenzt wurden, war beendet und es wurde zum Kulturerbe eines ganzen Volkes. 
Capoeira überlebte, die ehemals afrikanischen Sklaven und ihre Nachkommen bewahrten ihren Kampf. Durch seine Veränderungen wurde aus der Capoeira etwas rein Brasilianisches. Diese Fähigkeit der Capoeira, des Widerstandes und des Überlebenskampfes unter harten und schwierigen Bedingungen verdanken wir der afrikanischen Bevölkerung Brasiliens.

Heute findet Capoeira in allen Rassen und sozialen Stufen Brasiliens und anderen Ländern eine immer größere Zahl Anhänger. In diesen anderen Ländern findet Capoeira die globale Bedeutung, die ihm zusteht – als Kunst, die sich in Rhythmen und Bewegungen äußert und die die ganze Kreativität eines unterdrückten Volkes zum Ausdruck bringt. Trotz dieser Entwicklung kennt die Gesellschaft den Wert und den Beitrag, den man aus der Theorie und Praxis des Capoeira gewinnen kann, noch viel zu wenig.